Homeschooling ganz ohne Computer und Arbeitsblätter

Jetzt ist es zwar eine Weile her, dass Homeschooling flächendeckend stattgefunden hat, aber auch in Zukunft wird es weiterhin vorkommen, dass Schülerinnen und Schüler krankheitsbedingt auf Fernunterricht angewiesen sind. In diesem Beitrag möchte ich den Blick auf Lernende mit schwerer Behinderung richten. Für sie sind Aufgaben, wie sie oft bei Lernenden ohne Beeinträchtigung eingesetzt wurden, wie z.B. am Computer oder auf Arbeitsblättern, meist ungeeignet.

In der Zeitschrift für Heilpädagogik bin ich auf einen interessanten Artikel gestossen, in dem beschrieben wird, wie der Distanzunterricht von Lernenden mit schwerer Behinderung gestaltet werden kann. Ich finde die Idee genial und werde sie hier deshalb in Kürze vorstellen. Sie ist auch für andere, vor allem jüngere Lernende oder Kindergartenkinder geeignet.

Weltwissen-Vitrinen nach Donata Elschenbroich

In Weltwissen-Vitrinen werden Alltagsgegenstände ausgestellt, die man sich ausleihen kann. Sie können zu einem bestimmten Thema oder auf die Interessen der Lernenden abgestimmt sein. Für den Distanzunterricht wählen die Lehrpersonen einen Gegenstand aus und schicken ihn mit der Post einem Schüler/ einer Schülerin, z.B. einen Schwamm. Dieser wird zu Hause mit der Familie gemeinsam ausgepackt und vom Kind erkundet. Das kann losgelöst vom Verwendungszweck geschehen, soll dann aber auch in Alltagssituationen, wie beim Abwaschen von Geschirr, passieren.

Die beiden Autorinnen haben den Eltern Hinweise auf drei Ebenen für das Homeschooling mit dem Gegenstand mitgegeben:

  • Erkundung des Gegenstands: mit allen Sinnen
  • Verortung des Gegenstands in den Alltag: ähnliche Gegenstände werden gesucht und verglichen
  • Alltagssituationen und –handlungen: der Gegenstand wird in konkrete Situationen eingebettet

Weitere Gegenstände, die die Autorinnen eingesetzt haben, sind Zollstock, Schneebesen und Zitronenpresse.

Diese Idee des Homeschooling lässt sich auch entwicklungstheoretisch und didaktisch begründen: Das Erkunden von Gegenständen ist ein wichtiger Schritt in der kognitiven Entwicklung, wie sie von Piaget (sekundäre Kreisreaktionen, intentionales Verhalten) oder Leontjew (manipulierende und gegenständliche Tätigkeit) beschrieben wird. Ausserdem werden formale (Können) und materiale (Wissen) Bildung berücksichtigt (Bildung mit ForMat nach Lamers & Heinen).

Angaben zum Artikel, auf den ich mich beziehe:

Pirnbaum, Johanna; Wieczorek, Marion (2021): Die Dinge der Welt daheim – Homeschooling und schwere Behinderung. Adaptation der „Weltwissen-Vitrinen“ nach Donata Elschenbroich für den Fernunterricht. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 72 (9), S. 451–461.

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